Wenn Überwachungskameras zum Risiko werden

Unzählige Überwachungskameras sind unsicher – jeder kann mitschauen. Dazu sind nicht einmal Hackerkenntnisse nötig. Schuld sind nachlässige Hersteller ebenso wie allzu gutgläubige Verbraucher.

Das gibt ein gutes Gefühl: Die Überwachungskamera ist installiert, Einfahrt, Garagentor oder Haustür sind so immer im Blick und potentielle Einbrecher werden abgeschreckt. Pustekuchen. Statt zu schützen, mutieren viele IP-Kameras zum Sicherheitsrisiko. Jeder kann sehen, was in den eigenen vier Wänden vor sich geht – ganz bequem übers Internet.

Überwachung zum kleinen Preis

Alle drei Minuten schlägt in Deutschland ein Einbrecher zu. Überwachungskameras sollen helfen, das eigene Haus zu überwachen und Ganoven dingfest zu machen. Videoüberwachung ist längst nicht mehr nur für Geschäfte und Firmen interessant. Egal ob zum Schutz des Eingangsbereichs, des Gartens, der Garageneinfahrt oder des Ferienhauses – immer mehr Privatleute kontrollieren Haus und Hof. Besonders im Trend liegen IP-Kameras. Mit dem heimischen Netzwerk verbunden schicken diese Live-Bilder ins Internet und aufs Smartphone. Die Einrichtung ist dabei längst nicht mehr nur ein Fall für Netzwerk-Profis, die früher so komplizierte Installation erledigt sich inzwischen meist wie von selbst. Teuer ist solche Technik ebenfalls schon lange nicht mehr. Bildsensoren und Gehäuse kaufen die Hersteller billig in Asien ein. Fehlt nur noch sichere Netzwerktechnik – genau an dieser Stelle hapert’s aber bei vielen Modellen.

Bei der Sicherheit gespart

Zwar bieten viele Hersteller jede Menge Funktionen wie Nachtsicht und Bewegungserkennung für ihre Überwachungskameras. Themen wie sichere Übertragung und geschützter Zugriff auf Bilder und Onlinedienst stehen bei vielen Herstellern dagegen nicht an erster Stelle. So kommen etwa Standartpasswörter zum Einsatz, die der Nutzer bei der Einrichtung nicht einmal ändern muss. Oder die Passwörter sind unzureichend geschützt, so dass Hacker sie einfach abfangen können. Nicht selten verraten die Geräte zudem WLAN-Passwörter, E-Mail-Adressen und FTP-Zugang ihres Besitzers. Dadurch öffnen sie Angreifern Tür und Tor in die private Welt der Nutzer.

Der Web-Dienst Insecam listet Tausende ungeschützte Webcams samt Live-Bildern.

Hacken für Jedermann

Neugierige benötigen dafür nicht einmal ausgeklügelte Hackerkenntnisse. Alles, was sie brauchen, ist einen Browser und die Adresse von einschlägigen Online-Diensten. Wie sich der gewünschte Schutz durch Sicherheitsmängel von IP-Kameras komplett ins Gegenteil verkehren zeigt die Internetseite Insecam.org besonders eindrucksvoll. Der Dienst zapft die Übertragungen von Tausenden schlecht gesicherter IP-Kameras ab und stellt diese in Netz. Besucher können etwa gezielt nach Bildern in ihrem Land fahnden, allein in Deutschland gibt es Hunderte Exemplare. Zwar liefert ein Großteil Bilder von Geschäften, öffentlichen Plätzen oder Internetcafés. Wer ein wenig stöbert, finden aber auch die Aufnahmen privater Webcams, die etwa einen Blick ins Kinderzimmer oder die Schlafgemächer der Besitzer erlauben. Brisant: Insecam zeigt auf Wunsch sogar den Kamerastandort samt der genauen Koordinaten an. Ein gefundenes Fressen für Einbrecher, die auf diese Weise potenzielle Opfer ausspähen und orten können.

Markenprodukte kein Garant für Sicherheit

Ein weiteres Paradies für Voyeure jedweder Coleur stellt das „Shodan“. Im Gegensatz zu Google, das sich nur für Internet-Adressen interessiert, sammelt Shodan Informationen von smarten Geräten aller Art, inzwischen listet der Dienst über 500 Millionen mit dem Internet verbundene Geräte. Neuerdings gibt’s einen speziellen Bereich nur für Webcams, die ohne oder mit schlechtem Kennwortschutz im Netz stehen. Wer Zugriff erlangt, kann die Kameras mitunter sogar steuern und übers Mikrofon sogar belauschen. Mit ein wenig Ausdauer finden sich auch hier Videoübertragungen von schlafenden Babys, Schulklassen, Banken oder Schwimmbädern. Die meisten Kamerabesitzer sind höchstwahrscheinlich vollkommen ahnungslos. Wer teilt schließlich sein Privatleben freiwillig im Internet? Interessant: Shodan bietet die Möglichkeit, die Kameras nach Hersteller zu filtern. So wird schnell deutlich, welche Kameratypen besonders schlecht geschützt sind. In der Liste taucht nicht nur Billigware, sondern auch namhafte Hersteller wie Bosch, D-Link, Panasonic und Sony auf.

Diese Angestellten wissen sicher nicht, dass sie jeder übers Web bei der Arbeit beobachten kann. Das Ganze lässt sich sogar aus diversen Perspektiven betrachten.

Fazit

IP-Kameras haben das Potenzial, Immobilien und andere Objekte zu schützen. Voraussetzung dafür aber ist, dass sie durch Mängel nicht selbst zum Sicherheitsrisiko werden. Dazu gehören neben sicherer Datenerfassung, – Übertragung und -Speicherung zudem Cloud-Dienste und Anwendungen, die einer Sicherheitsprüfung standhalten. Leider achten nicht alle Hersteller darauf.

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