Telemedizin - Hausarzt ohne Grenzen?

Telemedizin – Hausarzt ohne Grenzen?

Überfüllte Hausarztpraxen, ewig lange Wartezeiten, überlaufene Notaufnahmen. Die ärztliche Versorgung in Deutschland steckt in einer Krise. Es ist fast unmöglich zeitnah einen Termin zu bekommen und gerade auf dem Land werden die Hausarztpraxen immer weniger. Hier könnte die Telemedizin ganz neue Möglichkeiten eröffnen. Und dann ist da noch der Datenschutz …

Telemedizin – Was ist das?

Telemedizin umfasst alle Bereiche, bei denen der Arzt oder Therapeut räumlich von seinem Patienten getrennt ist und diese Distanz mit Hilfe von Kommunikationsmitteln überbrückt. Hierbei gibt es schon seit Jahren ganz verschiedene Anwendungsgebiete. Etwa ärztliche Versorgung über Funk für abgeschiedene Gebiete in Australien oder Forschungsstationen in der Arktis. Außerdem werden regelmäßig auch international Ärzte zu schwierigen Operationen oder Konsultationen hinzugezogen. Telemedizin hat viele Unterbereiche wie Telechirurgie, bei der ein Arzt auch über große Entfernung hinweg einen Patienten über spezielle Geräte operieren kann. Auch Teletherapie und Telerehabilitation sind in diesem Zusammenhang zu nennen. Hier kann ein Patient zuhause unter Überwachung eines Arztes Übungen ausführen. So entfällt ein langer, aufwendiger und kostenintensiver Aufenthalt in einer Kureinrichtung. Solche Anwendungen der Telemedizin sind bereits vielfältig erprobt. Eine größere Entlastung wäre allerdings eine Ausweitung auch auf die hausärztliche Versorgung.

Hausarzt per Knopfdruck – ist das möglich?

Der deutsche Ärztetag hat im Mai beschlossen, die Regelungen für Telekonsultationen zu lockern. Bisher war eine telemedizinische Beratung nur dann möglich, wenn Arzt und Patient sich bereits kannten und auch nur in Ausnahmefällen. Jetzt soll die Lockerung bewirken, dass Ärzte in Zukunft Patienten auch komplett virtuell betreuen können. Diese muss allerdings noch in die Berufsverordnungen der Länder aufgenommen werden und dies ist keineswegs gesichert. Das Saarland hat bereits angekündigt, diese Regelung nicht übernehmen zu wollen.

Eine Verschreibung von Medikamenten wird jedoch weiterhin in Deutschland nicht möglich sein.  Zudem ist aktuell wieder im Gespräch, den Versandhandel mit Medikamenten weiter einzuschränken oder sogar ganz abzuschaffen, da man nur so das Präsenzmodell der Apotheken schützen kann. Eine weitere Hürde: Auch eine Krankschreibung kann nur nach persönlicher Vorsprache ausgestellt werden. Zudem wird selbst interessierten Ärzten die Online-Beratung zusätzlich durch die Tatsache erschwert, dass sie ihre Leistungen in diesem Bereich nicht bewerben dürfen.

Wer also gehofft hatte, schon bald auf den Besuch beim Hausarzt verzichten zu können, wird sich noch gedulden müssen.

Welche Optionen habe ich als Patient jetzt schon?

All das bedeutet aber nicht, dass man als Patient vollkommen auf den Bereich Telemedizin in der hausärztlichen Betreuung verzichten muss. Es gibt durchaus Angebote, mit Sitz im Ausland, die eine medizinische Beratung auch jetzt schon online anbieten. Allerdings muss hier der Patient selber zahlen und erhält nur unter ganz bestimmten Umständen eine Erstattung der Kosten für Medikamente von der Krankenkasse. Das sollte man vorher abklären.

Fernarzt.com

Fernarzt.com ist in London ansässig und bietet eine Möglichkeit online Rezepte für bestimmte Erkrankungen zu bestellen. Man wählt das bestehende Problem aus, beantwortet einige Fragen, wählt ein Medikament aus einer Liste aus und bekommt dieses dann per Post von der Partnerapotheke zugestellt. Wer weiß was ihm fehlt und dafür nicht unbedingt zum Arzt möchte, findet ihr eine bequeme Alternative, muss ich aber bewusst sein, dass erstmal alle Kosten aus einiger Tasche gezahlt werden müssen, da der Dienst komplett unabhängig von Krankenkassen funktioniert.

Dr. Ed

Ein ähnliches Konzept, wenn auch etwas umfangreicher, findet man bei Dr. Ed. Auch hier kann man Rezepte für bekannte Erkrankungen, aber auch Folgerezepte für Verhütungsmittel anfordern. Zusätzlich gibt es auch noch die Option, bestimmte Testkits anzufordern. Diese kosten dann zwischen 29 und 49 Euro und werden direkt nach Hause geliefert. Nach der Durchführung des jeweiligen Tests schickt man das Kit wieder zurück und erhält wenig später die Ergebnisse.

Patientus

Patientus ist eine Plattform, die Ärzte dabei unterstützen will, ihre Termine auch online abzuwickeln. Als Patient kann man einen Termin vereinbaren und erhält dann Zugangsdaten zu einem Videogespräch. Hier gilt allerdings, dass die angeschlossenen Ärzte nur dann eine Diagnose geben dürfen, wenn sie den Patienten auch persönlich kennen. Ansonsten bekommt man nur eine Beratung zu Behandlungsmöglichkeiten oder eine Einschätzung.

TeleClinic

Als einzige wirkliche Alternative zum Arztbesuch kann man aktuell nur TeleClinic sehen. Leider gibt es hier die Einschränkung, dass der Dienst nur für Versicherte von bestimmten Krankenkassen verfügbar ist. Für diese Patienten allerdings bietet TeleClinic einen umfangreichen Service inklusive Diagnosen und Rezepten an. Es handelt sich hier um eines der wenigen Pilotprojekte, die staatlich anerkannt sind. Nachdem man seine Symptome einem Chatbot geschildert hat, wird der passende Arzt ausgesucht. Als Kontaktmöglichkeit stehen Chat, Video und Telefon zur Verfügung. Die Beratung kann 24 Stunden am Tag erfolgen. Zwar ist der Dienst leider nur für einige Patienten verfügbar, bietet aber das größte Potential weiter ausgebaut zu werden.

Krankenkassen

Die meisten Krankenkassen bieten ihren Kunden schon heute eine ärztliche Beratung online an. Zwar ist auch hier die Einschränkung, dass keine Diagnose gestellt werden darf, aber es kann eine Orientierung gegeben und eine Behandlung besprochen werden. Kommt man bei seinem Hausarzt nicht weiter oder zweifelt an der Diagnose ist dies eine gute Anlaufstelle.

Wie sicher sind meine Daten?

Jeder der schon mal ein wenig Zeit im Netz verbracht hat weiß, wie schwierig sich Datensicherheit und Datenschutz oft gestalten. Während natürlich auch weiterhin die Schweigepflicht der Ärzte gilt, sieht es anders aus, wenn Unbefugte an Ihre Daten gelangen sollten. Patientendaten werden vom Staat als besonders sensible Informationen eingestuft und vom Gesetzt auch entsprechend geschützt – nicht umsonst gibt es schließlich ein E-Health-Gesetz. Leider hilft das reichlich wenig, wenn Apps und Seiten, auf denen die Informationen eingegeben werden, nur so vor Sicherheitslücken strotzen. Das war zumindest vor einiger Zeit noch bei eigentlich allen Anwendungen der Fall. Versprochene einheitliche Standards und Qualitätskriterien sollten hier aber nach und nach Abhilfe schaffen, so dass einem (hoffentlich) sicheren Besuch beim Tele-Arzt nichts im Weg steht.

Die Zukunft der Telemedizin

Es geht langsam voran. Immer noch steht man an vielen Stellen einer Weiterentwicklung der Telemedizin im Weg. Hinzu kommt, dass durch rechtliche Einschränkungen auch der Datenaustausch von Arzt und Patient immer noch stark eingeschränkt ist. Aktuell gibt es keine wirkliche Alternative zum Arztbesuch sondern bestenfalls eine Ergänzung, die einem etwas Zeit sparen kann, wenn man weiß was einem fehlt. Allerdings muss man hier die Kosten komplett selber tragen.