Smarte Zeugen

Amazons „Echo“ als Zeuge in einem Mordfall? Klingt kurios. Vernetzte Geräte spielen bei der Verbrechensaufklärung aber eine zunehmend eine wichtigere Rolle.

Ex-Cop Victor Collins stirbt im Whirlpool von Andrew Bates. Handelt es sich tatsächlich um einen tragischen Unfall, wie Bates behauptet? Er selbst sei vor dem Todeszeitpunkt schlafen gegangen. Rechtsmediziner fanden jedoch Kampfspuren an der Leiche und Blutspuren im Pool. War es also Mord? Die Beweislage ist schwierig, die Männer waren allein – zumindest waren keine anderen Personen zugegen. Die Polizei baut aus diesem Grund auf eine ganz spezielle Zeugin: Die Sprachassistentin Alexa, die sich in einem Amazon Echo-Netzwerklautsprecher im gleichen Raum befand. Die Ermittler hoffen, dass die Audioaufzeichnungen wertvolle Hinweise auf die Tat enthalten. Denn mit dem vernetzten Gerät hätte Bates etwa die Beleuchtung, das Garagentor oder die Heizung per Sprachbefehl steuern können. Wäre das kurz vor dem Ableben von Collins geschehen, wäre Bates der Lüge überführt. Nur befinden sich die Sprachaufzeichnung in der Cloud und Amazon will sie nicht herausrücken.

Echo als stummer Beobachter

Alexa steht auch in einem anderen Mordfall im Mittelpunkt: Ein Gericht im US-Bundesstaat New Hampshire versucht derzeit einen Doppelmord aus dem Januar 2017 aufklären, bei dem zwei Frauen im Alter von 32 und 48 Jahren ums Leben kamen. Die Ermittler vermuten, dass ein Mord in der Küche geschah, in der ein Echo-Lautsprecher stand. Dieser könnte das Verbrechen aufgezeichnet haben. Die Fälle zeigen einerseits, dass die Polizei umdenken und öfter digitale Daten auswerten muss, um der Wahrheit auf die Spur zu kommen. Andererseits aber auch, dass sich immer mehr Menschen unbewusst digitale Schnüffler anschaffen, die gegen sie selbst verwendet werden können.

Die Mikrofone bei den meisten Echo-Lautsprechern hören die ganze Zeit mit – sofern man sie nicht aktiv ausschaltet.

Wenn der BMW petzt

So überführte das Landgericht Köln beispielsweise einen Kunden des BMW-Carsharing-Dienstes DriveNow der fahrlässigen Tötung. Der Mann hatte einen Radfahrer angefahren und tödlich verletzt. Aus den digitalen Informationen, die unter anderem die im Auto eingebaute Mobilfunk-Karte erzeugte, rekonstruierte die Kammer seine Route sowie die überhöhte Geschwindigkeit. Und in den USA kamen die Daten eines Fitnesstrackers vor Gericht zum Einsatz. Sie widerlegten die Vergewaltigungsvorwürfe einer Frau. Die gab an, mitten in der Nacht im Schlaf von einem Einbrecher bedroht und zum Sex gezwungen worden zu sein. Tatsächlich war sie zu dieser Zeit aber hellwach, wie die Bewegungsdaten des Sportarmbands bewiesen.

Auch moderne Auto zeichnen oft pikante Daten auf, etwa die gefahrene Geschwindigkeit.

Digitale Spuren überall

Die Fälle zeigen: Wir hinterlassen nahezu überall, wo wir gehen und stehen, digitale Spuren. Der Computer steht schon lange auf dem Schreibtisch, inzwischen hat fast jeder stets sein Smartphone griffbereit und immer mehr durchdringt das ominöse „Internet of Things“ unser komplettes Leben. Nahezu jedes mit dem Internet verbundene Gerät sammelt fleißig Nutzerdaten. Der Tagesablauf lässt sich mit Hilfe solche Geräte fast hundertprozentig nachverfolgen. Nur einige Beispiele.

  • Wann wir aufwachen: Etwa durch den Wecker im Smartphone. Oder wann wir das erste Mal im Internet sind, zum Beispiel um die morgendlichen Nachrichten zu lesen.
  • Wo wir uns bewegen: Smartphone und moderne Autos erfassen detailliert jede Bewegung.
  • Was uns interessiert: Das Surfverhalten, egal auf welchem Gerät, ermöglicht detaillierte Persönlichkeitsprofile.

Datenschleuder Smartphone

Der heilige Gral für Forensiker ist und bleibt aber das Smartphone. Kontakte und Termine pflegen, Fotos schießen, im Internet surfen und natürlich kommunizieren: Die smarten Geräte führen über alles haarklein Protokoll. Selbst gelöschte Einträge und SMS lassen sich oft noch Wochen oder Monate später wiederherstellen. Vor allem deswegen hat die Bedeutung von digitalen Spuren als Beweismittel in Strafverfahren drastisch zugenommen. Carola Jeschke, Pressesprecherin des Landeskriminalamts (LKA) Schleswig-Holstein: „Es ist aktuell kaum eine Ermittlung denkbar, in der nicht auch digitale Spuren gesichert, untersucht und bewertet werden müssen.“ Smartphones seien nur der Anfang. „Mit dem ‚Internet der Dinge‘ entstehen immer neue Träger von digitalen Spuren“, so Jeschke.

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