Kinder-Überwachung

Ganz Deutschland empört sich über die Schnüffelmethoden der Geheimdienste, dabei wird auch im privaten Umfeld zunehmend überwacht. Vor allem Kinder geraten immer mehr ins Visier.

Früher reichten ein paar Notfall-Groschen für die Telefonzelle, heute stehen Kinder nahezu ab Geburt unter Totalüberwachung. Das Babyphone lauscht beim Schlafen, Bewegungssensoren in der Wiege kontrollieren Bewegungen und Kameras zeigen an, ob beim Spielen nichts anbrennt. Moderne Technik ebnet nun den nächsten Schritt der Kontrolle. Satellitengestützte Ortung, einst dem Militär vorbehalten, erobert den Alltag. GPS dient längst nicht mehr nur für präzise Bombardements, sondern obendrein zum Aufspüren von entlaufenden Haustieren, geklauten Autos, verwirrten Senioren und umtriebigen Kindern. Die Idee klingt gut: Die Racker sind unterwegs – und die Eltern müssen sich trotzdem keine Sorgen um sie machen. Denn wenn sie wissen wollen, wo sich ihr Nachwuchs gerade aufhält, genügt ein Blick auf den Computermonitor oder das Smartphone. Dort erfahren sie dann den aktuellen Aufenthaltsort ihrer Kinder auf einer Karte, bis auf fünf Meter genau. Auch die Sprösslinge können aktiv werden: In Notfallsituationen lösen sie per Klick einen Alarm aus, der per SMS den derzeitigen Standort bei hinterlegten Telefonnummern hinterlegt.

Sicherheit oder Kontrolle

Natürlich gehe es bei den entsprechenden Ortungsgeräten und Apps nicht um Überwachung – behaupten zumindest die Hersteller.  Sondern darum, dem Kind ein Höchstmaß an Sicherheit zu bieten. Szenarien bieten sich einige an: Das Kind verirrt sich im Wald, geht in einer Menschenmenge verloren oder wird auf dem Schulweg entführt. Speziell für solche Fälle bieten Hersteller Sets, bestehend aus GPS-Empfänger und Software, inklusive Geozaun-Funktion an. Darüber lässt sich eine bestimmte Zone festlegen, etwa eben der Schulweg. Sobald das Kind das festgelegte Gebiet verlässt, erhalten die Eltern eine Alarm-SMS samt Geodaten und machen sich schnell auf den Weg. Neugierigen Eltern stehen aber noch viel mehr Schnüffelfunktionen zur Verfügung: Sie können etwa haarklein nachvollziehen, wo sich der Filius in den letzten 31 Tagen herumgetrieben kann, Ammenmärchen wie „Ich hab‘ nicht am Bahnhof rumgehangen“ lassen sich so per Klick schnell als blitzblanke Lüge entlarven. Die ausgeklügelten Tracking-Programme zeigen auf Wunsch sogar die Geschwindigkeit an, die das überwachte Kind draufhat. So ließe sich etwa feststellen, ob der Nachwuchs verbotener Weise mit Papis Auto eine Spritztour macht oder das Mofa frisiert. Nur zur Sicherheit dienen natürlich auch Funktionen wie „Stimmen-Kontrolle“, die einige GPS-Sender bieten. Damit lassen sich Gespräche durch das eingebaute Mikrofon jederzeit belauschen.

Der Faktor Angst

Angst ist der Antrieb, der übervorsichtige Eltern zu derartigen Überwachungsmethoden treibt. Trotz stetig sinkender Kriminalität wächst bei vielen das Gefühl, das hinter jeder Ecke ein Pädophiler, Mörder oder Kidnapper lauert. Der gefühlten Gefahr wird versucht mit Technik beizukommen. Geld spielt dabei nur einen Untergeordnete Rolle. Wer Rund-um-Überwachung bucht, zahlt dafür bis zu 20 Euro pro Monat und mehr.

Pädagogen warnen

Ob Kindern vollständige Überwachung guttut, ob sie echte oder nur gefühlte Sicherheit bietet, müssen Eltern selbst wissen. Rundumschutz bietet GPS-Ortung auf jeden Fall nicht. Denn die Technik hat ihre Macken, in Gebäuden ist etwa keine Ortung möglich. Zudem geht den kleinen Akkus bei permanenter Positionsübermittlung schnell die Puste aus, Mini-Sender oder Smartphone halten nicht einmal einen ganzen Tag durch. Darüber hinaus könnte das Kind den Sender verlieren oder ganz bewusst an einer bestimmten Stelle deponieren. Außerdem: Wie frei können sich Kinder noch fühlen, wenn sie ständig unter Beobachtung stehen? Die Vermutung liegt nahe, dass das elterliche Verlangen nach einer rundum gesicherten Umwelt Kinder in ihrer Entwicklung einschränkt. Vermittelt die permanente GPS-Überwachung doch eine unbekannte, latent existierende Gefahr. Zu bedenken ist auch, ob Ortungsgeräte Eltern tatsächlich beruhigen, oder ob sie, in ständiger Erwartung eines Alarms, die Sorge sogar verstärkt.

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