Breaking Boundaries in the Connected World - Mobile World Congress 2017

Die Grenzen der vernetzten Welt werden durchbrochen

Auf der Suche nach Technologietrends besuchte ich den Mobile World Congress (MWC) 2017. Barcelona ist ja an sich schon ein tolles Reiseziel, aber diese Veranstaltung mit über 2.000 Ausstellern ist ein zusätzlicher Anziehungspunkt. Während sich die Medien meist auf die Vorstellung der neuesten Smartphones konzentrieren und noch ein wenig über vernetztes Fahren berichten, wollte ich sehen, wie Verbraucher in der Welt von morgen leben werden. Und ich wollte insbesondere etwas über zukünftige Bedrohungen für Sicherheit und Privatsphäre erfahren und herausfinden, wie wir uns ungefährdet an all den fantastischen Dingen erfreuen können, die es da draußen gibt.

Offline unterwegs

Die erste eindeutige Erkenntnis hatte ich bereits auf dem Weg nach Barcelona: Die mobile Welt hat ihre Offline-Momente. Auf dem Hinflug stand keine Internetverbindung zur Verfügung. Die MWC-App bot auch keine Möglichkeit, Inhalte herunterzuladen, um diese offline zu lesen. Hier haben wir also eine mobile App, die nicht das bot, wofür sie designt wurde: Sie sollte eigentlich auf Reisen ein stets nutzbarer Begleiter sein. Kein besonders erfolgreicher Start für eine Veranstaltung, bei der sich alles um Mobilität dreht, oder?

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Privatsphäre, mit der man fahren kann

„Wir bauen Driveables“ war die Schlagzeile an den Ständen von Ford und SDL. In seinem SYNC AppLink nutzt Ford die Open Source-Plattform SmartDeviceLink(SDL), um Apps von Dritten im Auto installieren und nutzen zu können. Was mir hier gut gefallen hat, war, dass Ford es den Fahrern nicht nur überlasst das Auto, sondern auch ihre Privatsphäre zu steuern. Privatsphäre-Einstellungen ermöglichen es dem Fahrer zuzulassen oder zu verbieten, welche Informationen über die Fahreigenschaften, das Fahrzeug, die GPS-Daten und die Geschwindigkeit geteilt werden sollen. Zwar ist dies nur ein gutes Beispiel für ein Testfahrzeug, aber es ist gut zu wissen, dass ein Autohersteller sich über den Datenschutz bei Interaktionen zwischen dem Autobesitzer, dem Hersteller und den App-Entwicklern Gedanken macht. Da ein ganzes Konsortium von Autoherstellern hinter SDL steht und es sich um eine offene Plattform handelt, bin ich neugierig, wie sie sich mit der Zeit entwickeln wird – wie sich die Transparenz dessen, was mein Auto anderen mitteilt, erhöhen wird, und wie ich mehr Kontrolle über meine Daten gewinne.

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Was kommt nach dem Streaming?

Musikkassetten ersetzten Vinyl-Schallplatten, CDs waren das Ende der Kassetten, MP3 machten CDs überflüssig und Streaming befreit uns von allen Medien zur Aufzeichnung. Ich fragte die Mitarbeiter von RealNetworks: „Was wird das Ende des Streaming sein? Könnt ihr euch vorstellen, was als Nächstes kommt?“ Konnten sie nicht, aber sie sagten mir im Prinzip: „Don’t worry, be happy – Streaming ist erst am Anfang seiner Möglichkeiten.“

Sie zeigten mir die Demo eines direkten Vergleichs zwischen einem 4K-Stream mit H.264-Komprimierung (das übliche Format) und einem mit RealMediaHD, bei denen beide die gleiche Bandbreite brauchten. Die Ergebnisse unterschieden sich deutlich: Auf dem Mobilgerät unterschied sich das zweite Format in der Qualität deutlich und könnte so für größere Zufriedenheit beim Benutzer sorgen. Da die Kosten für das Streaming eines beliebigen Inhalts mit RealMedia HD außerdem erheblich geringer sind, können wir nicht nur eine bessere Videoqualität erwarten, sondern eines Tages könnte diese fortschrittliche Technologie das Leben auch günstiger machen.

Und das war’s? Einfach nur mehr Qualität für hoffentlich weniger Geld? Teil unseres weiteren Gesprächs waren auch mit einer Kamera ausgestattete Smart-TVs und wie Streaming dadurch interaktiver werden könnte, wenn unsere Bildschirme uns sehen, während wir auf ihnen fernsehen. Nachdem Wikileaks vor Kurzem erklärt hat, dass Behörden bereit wären uns auszuspionieren, indem sie die Kameras von Smart-TVs hacken, sollten wir sie da nicht als Risiko ansehen? Ja. Sicherheitsanbieter haben sich der Sache angenommen und sind dabei, Lösungen der 1. Generation zum Schutz von IoT-Geräten (Internet der Dinge) zu entwickeln.

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Sprachgesteuert bedeutet mehr als Sprachinteraktion

Wissen Sie, was James Bond immer zuerst tut, wenn er ein Hotelzimmer betritt? Er prüft das Festnetztelefon, die Wanduhr und die Stehlampe auf versteckte Mikrofone. Und was tun wir? Wir kaufen von unserem eigenen Geld Geräte, bei denen die Mikrofone immer eingeschaltet sind und legen sie in unser Wohnzimmer, den zentralen Ort unseres privaten Familienlebens. Sprachgesteuerte Assistenten werden schon seit einer Weile in Autos eingesetzt und ihre Möglichkeiten sind ganz klar begrenzt. Amazon, Apple und andere haben diese Technologie nun für jedermanns Zuhause verfügbar gemacht und zwar zu einem viel günstigeren Preis als in Ihrem Auto. Und – das ist der springende Punkt – die Technologie wird durch eine unbegrenzte Anzahl an Anwendungsfällen gespeist, denn sie nutzt künstliche Intelligenz und verbindet sich über die Cloud-Dienste des Anbieters mit dem Internet und anderen Online-Diensten und -Geräten, die wir nutzen.

Was ich an den Ständen von SK Telecom und anderen interessant fand ist, dass die nächste Generation der sprachgesteuerten Assistenten Bildschirme hat, die sich in Ihre Richtung drehen und damit mit visuellen Informationen untermauern, was sie Ihnen über ihre Lautsprecher mitteilen. Die Version von NUGU, die SK Telecom im letzten Herbst vorstellte, sieht ziemlich „traditionell“ aus, aber die kommende Version könnte sich bereits sehr stark unterscheiden. Die übliche Omnipräsenz von Bildschirmen und Mikrofonen ist im Wandel begriffen, denn sie ändern ihre äußere Gestalt wie ein Transformer. Die stets aktiven Mikrofone dieser Geräte verlangen, dass wir den Herstellern viel Vertrauen schenken und wir haben keine Tools, um sie unabhängig zu steuern – zumindest noch nicht.

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Alles ist ein Touchscreen, auch die Luft um Sie herum

Das Sony Xperia Touch ist ein kleiner Kurzdistanz-Projektor, der jede Wand, jeden Tisch und jede andere Oberfläche in einen Bildschirm verwandelt – und sogar in einen Touchscreen! Seine Sensoren erkennen Fingerbewegungen, sogar Gesten mit zwei Fingern und reagieren auf Doppelklicks. Man kann damit nicht nur im Internet surfen, sondern auch mit Apps interagieren – und Tischfußball bekommt eine völlig neue Bedeutung. Eine weitere tolle Funktion ist, dass es Handbewegungen in der Luft übersetzt, als würden Sie die Projektionsfläche direkt berühren. In diesem konkreten Fall projizierte das Xperia Touch eine Karte auf die Wand und ich konnte darauf nur mit meiner Hand in der Luft navigieren, obwohl ich etwa zwei Meter entfernt stand. Diese Funktion kennen wir schon aus Autos, aber nun erobert diese Technik neue Bereiche unseres Lebens und verändert unser Verständnis für die Nutzung von Bildschirmen. Mein Vermutung: In den nächsten Jahren werden wir mit Hologrammen interagieren, die auf die Feuchtigkeit und Staubpartikel in der Luft projiziert werden.

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Geräte und Dienste auf Konvergenz-Kollisionskurs

Wir alle steuern ganz eindeutig auf einen Punkt zu: Wenn sprachgesteuerte Heimassistenten Bildschirme und bewegliche Teile bekommen, wenn Sprach- und Gestensteuerung alltäglich werden, wenn alles ein Touchscreen sein kann, wenn es immer mehr Haustier-Bots und POS- (Point of Sale-) Bots gibt, wenn Autos zu Driveables werden, wenn Roboter interaktiver und billig genug für den privaten Gebrauch werden und wenn das Unterhaltungsprogramm auf dem Flug über das eigene smarte Gerät läuft – dann werden all diese Technologien konvergieren. Es gibt keinen guten Grund, sprachgesteuerte Assistenten in der ganzen Wohnung zu verteilen (man müsste ja auch für jeden bezahlen), einen Roboter die körperliche Arbeit erledigen zu lassen und trotzdem noch die Lautsprecher zu behalten, um den qualitativ besten Sound für seine Musik zu haben. Gebt mir einfach einen Transformer, der alle diese Dinge tun kann!

Bisher neigen Technologieunternehmen dazu, neue Gerätegenerationen zu verkaufen, bei denen es sich um relativ geschlossene Systeme handelt, deren Betriebssystem, Kernanwendungen und Dienste eng eingebunden sind. Allerdings können wir erkennen, dass die Nutzung der breiten Masse und eine gewisse Offenheit Unternehmen einen massiven Schub geben können: App-Stores sind ein einfacher Schritt; Entwickler und Data Scientists nutzen offene Plattformen zur Zusammenarbeit wie GitHub  oder Kaggle. Und dass Tesla seine Patente teilt, ist – auf den ersten Blick – überraschend.

Die Grenzen der vernetzten Welt werden durchbrochen. Und das Ergebnis? Ich sehe eine Zukunft, in der wir genau drei Dinge auf bestimmte Weise nutzen:

  1. Dem abonnieren einer KI, die am besten zu unseren Bedürfnissen passt,
  2. dem Speichern all unserer Daten und die Verwaltung des Zugriffs auf eine persönliche und zentrale Cloud,
  3. und Leihen von oder Beteiligung an Vielzweckgeräten für echte Interaktion.

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Und das war’s. Sobald wir die Wahl haben, wie wir diese drei Komponenten kombinieren, können Verbraucher sich schnell an neue Dienste gewöhnen, weil Migrationsbemühungen und Barrieren zusammentreffen und Investitionshürden erheblich reduziert werden. Die Benutzererfahrungen werden über Dienste, Geräte und Standorte hinweg nahtlos und vereinheitlicht sein. Um die erste Wahl der Nutzer zu sein, müssen KIs extrem attraktiv, relevant und dem Nutzer gegenüber respektvoll sein. Zentraler persönlicher Speicherplatz bringt Eigentum und ein gewisses Maß an Kontrolle über das zurück, was wir haben (unsere Daten), was wir tun (unsere Interaktionen) und wer wir sind (unsere digitale Identität).

Also warum würden sich Unternehmen entscheiden, diesen Weg zu gehen? Konservative Unternehmen werden möglicherweise kategorisch ablehnen sich einzukaufen. Oder sie könnten Compliance-Argumente dagegen haben wie: passt nicht zu unserer Strategie, schadet unseren Einnahmequellen, wird von unserem Kundenstamm nicht angenommen, könnte unser Geschäftsmodell schädigen usw. Aber wirklich exponentielle Unternehmen werden die Vorteile prüfen: mehr Informationen können verarbeitet werden, auf bisher nicht verfügbare Daten kann zugegriffen werden, Handeln mit mehr Mitteln als nur Geld ist möglich, es gibt kürzere Investitionszyklen für Geräte, der Verkauf von neuen Gerätetypen wird einfacher, neue Einnahmequellen können monetarisiert werden usw.

Schlussendlich ist dies auch eine weitere schöne Herausforderung für die Sicherheitsbranche: Wir müssen herausfinden, wie wir unsere Privatsphäre schützen, um uns die Freiheit und die innere Ruhe zu geben, all diese neuen Tools verwenden zu können.

Und ich will auf dem Flugunterhaltungssystem bei meinem Flug zum Mobile World Congress 2020 auf meinen persönlichen Transformer zugreifen können. Es wäre zwar nett, wenn mein Kaffee immer noch von einer echten Flugbegleitung serviert wird, aber ein Haustier-Bot, der mein Gepäck trägt, wäre schon etwas Feines.

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Dieser Artikel wurde von Jochen Gaßner (EVP Customer Advocacy) zuerst auf LinkedIn Pulse veröffentlicht.

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Jochen Gaßner is the Executive Vice President of Customer Advocacy at Avira. He is passionate about customer centricity and he is paranoid about privacy. He focuses on architecting alliances that allow users to benefit from all of the fantastic new technologies without fear of their security and privacy being corrupted. He also supports Avira as it adopts to the exponential change of the connected world.