Daten sind nicht nur das Gold des 21. Jahrhunderts, sie sind auch der Atommüll

Dirk Kuchel ist Chefredakteur von COMPUTER BILD und Experte für Sicherheit im Internet. Wir sprachen mit ihm über aktuelle Bedrohungen, ungeschützte Smart Home-Geräte, Facebook und warum es so wichtig ist, seinen inneren Schweinehund zu überwinden.

 

Obwohl die Bedrohungslage für Windows-Computer unverändert ist und ständig neue Gefahren hinzukommen, handeln leider viele Anwender nach dem Motto „Mir wird schon nichts passieren.“ Hast Du das Gefühl, dass das Interesse der Nutzer am Thema Virenschutz im Laufe der letzten Jahre nachgelassen hat? Falls ja, woran liegt das Deiner Meinung nach?

Dirk Kuchel : „Der in Windows eingebaute Defender reicht als Schutz nicht aus“
Dirk Kuchel: „Der in Windows eingebaute Defender reicht als Schutz nicht aus.“

Leider muss ich dir recht geben. Obwohl wir uns bei COMPUTER BILD seit Jahren darum bemühen, die Nutzer auf die Gefahren hinzuweisen, besteht ein starker Trend dazu, dem Thema weniger Aufmerksamkeit zu schenken. Natürlich gibt es dafür überhaupt keine Veranlassung. Im Gegenteil: die Angriffe sind ja, wie etwa bei Ransomware, noch deutlich schmerzhafter für die Opfer geworden. Ich denke aber auch, dass recht viele Windows-Nutzer inzwischen das Gefühl haben, dass der eingebaute Defender schon „irgendwie ausreicht“. Das ist nach den Erfahrungen bei unseren Tests aber eben nicht der Fall. Noch schlimmer ist es bei den mobilen Geräten, wo effektiver Virenschutz ja nie wirklich angekommen ist, weil sich der Kunde sich schlicht nicht dafür interessiert.

 

Kommen wir zum Thema Datenschutz. Trotz Facebook-Skandal ist das Thema schon wieder genauso schnell aus den Medien verschwunden wie es gekommen war. Was kann man denn tun, um den Schutz der eigenen Daten wieder stärker und vor allem dauerhaft in den Fokus der Anwender zu rücken?

Die Diskussion um den Facebook-Skandal fand ich ehrlich gesagt unglaublich bigott. Man muss sich mal überlegen:  die ganze Welt hat sich darüber aufgeregt, dass ein Unternehmen Daten unberechtigt verwendet und damit Wahlwerbung genau auf passende Zielgruppen zugeschnitten hat. Aber mal ehrlich: das ist doch exakt das Geschäftsmodell, das Facebook ausmacht. Der Unterschied ist nur, dass wir hier alle eine AGB zwar nicht gelesen aber abgesegnet haben, in der wir das akzeptieren. Wir wissen das, aber füttern den Giganten genau wie Google und Amazon mit immer mehr Informationen über uns. Manchmal mit Dingen, die wir nicht mal unseren engsten Freunden erzählen würden. Daten sind nicht nur das Gold des 21. Jahrhunderts, sie sind auch der Atommüll. Wir werden bei COMPUTER BILD nicht müde, auf die Probleme hinzuweisen, ich sehe das auch als unsere Aufgabe. Aber ich fürchte trotzdem, dass es noch schlimmer wird. Ich könnte mir vorstellen, dass man aufgrund von Verhaltens-, Bewegungs- oder Konsumdaten eines Tages aus einer Krankenkasse fliegen könnte. Und wenn der unbegrenzte Datenzugriff dann solche konkret spürbaren Auswirkungen hat, dann wird sich vielleicht auch das Bewusstsein wieder stärker, dass man sich dauerhaft um eine Regulierung kümmern muss.

 

Für Windows-Computer, Smartphones und Macs gibt es eine ganze Reihe an Schutzprogrammen. Dagegen sind etwa Rasenmähroboter, Fernseher oder IP-Kameras offen wie ein Scheunentor, um es dem Nutzer bei der Einrichtung besonders einfach zu machen. Wie bewertet COMPUTER BILD denn das Thema Sicherheit für IoT-Produkte bei künftigen Tests und wie reagieren die Hersteller auf eure Kritik?

Dirk Kuchel: „Viele neue Firmen im Smarthome-Bereich machen fiese Anfängerfehler“
Dirk Kuchel: „Viele neue Firmen im Smarthome-Bereich machen fiese Anfängerfehler.“

Klar: momentan drängen noch immer viele neue Firmen in den SmartHome-Bereich, die von Sicherheit keine Ahnung haben. Die machen fiese Anfängerfehler, bei denen man nur mit dem Kopf schütteln kann. Da werden Passwörter unverschlüsselt in vernetzten Lampen gespeichert, Überwachungskameras liefern Bilder für jeden, der einen Browser öffnen kann und das Standard-Passwort kennt. Das ist übel und vielleicht würde es sich lohnen, hier gesetzliche Vorschriften zu machen. Dann müsste ein Hersteller vor Verkaufsstart nachweisen, dass er die Grundregeln einer Absicherung bei seinen Geräten eingehalten hat. So etwas en Detail zu testen, ist gar nicht so einfach, auch nicht für uns. Man kann nur einzelnen Verdachtsfällen nachgehen, große Feldtests, wie wir sie bräuchten, sind finanziell und personell für uns nicht darstellbar. Was wir finden können, das finden wir und publizieren es auch. Die Hersteller reagieren dann ganz unterschiedlich: mal gar nicht, mal mit Relativierungen und Ausreden, manchmal wird auch versucht, mit Anrufen Druck zu machen. Das ist nicht anders als bei anderen Tests, das muss man aushalten.

 

Welches sind denn die typischen Sicherheits-Probleme der COMPUTER BILD-Leser?

Wir haben eine Zeit lang recht viele Hilferufe von Lesern gehabt, die sich Ransomware eingefangen haben. Ich erinnere mich an viele Szenen, als Kollegen sich am Telefon stundenlang um verzweifelte Leser kümmerten. Da zeigt sich dann oft gleich das größte Sicherheitsproblem ganz nebenbei: der innere Schweinehund. Denn nur wer regelmäßig Backups macht, ist gut vorbereitet, wenn doch mal etwas schiefgeht. Aber es gibt natürlich auch viele Probleme, auf die man sich nur mit einer gesunden Portion Skepsis vorbereiten kann. Die hat man leider nicht immer, und so gibt es nach wie vor viele Probleme auf Grund von abgephishten Zugangsdaten. Betrugsfälle in Fake-Shops und bei Ebay gehören für uns leider auch zum Tagesgeschäft.

 

Du bist bei COMPUTER BILD der Experte für Sicherheit am PC. Welches sind denn Deine 5 wichtigsten Tipps um entspannt im Internet zu surfen, ohne Angst vor Angriffen dubioser Cybergangster?
Zum Glück haben wir bei COMPUTER BILD mehrere Kollegen, die sich mit Sicherheit sehr gut und vor allem besser auskennen. Um die Grundregeln zu beherrschen, muss man aber gar kein Experte sein:

  1. Nutzen Sie ein Antivirus-Programm, aber nicht irgendeins. Unabhängige Tests zeigen welche Hersteller über Jahre konstant gute Leistung bringen
  2. Installiere immer Updates für alle deine Programme, nicht nur für Windows.
  3. E-Mails, in denen du aufgefordert wirst, dein Passwort oder deine Bankdaten zu verifizieren, solltest du immer ignorieren und löschen.
  4. Verwende jedes Passwort nur einmal, verwende am besten die Anfangsbuchstaben eines Satzes, den du dir gut merken kannst und hänge eine Zahlenkombination dran.
  5. Wenn dir jemand im Netz etwas schenken will, egal ob ein angebliches Millionenerbe oder auch nur einen simplen Einkaufsgutschein, sei immer skeptisch: es steckt fast immer ein Betrug dahinter.

… und vor allem: hab’ keine Angst, sondern freue dich über die Technik und die Möglichkeiten, die sie dir bietet.

Avira ist mit rund 100 Millionen Kunden und 500 Mitarbeitern ein weltweit führender Anbieter selbst entwickelter Sicherheitslösungen für den professionellen und privaten Einsatz. Das Unternehmen gehört mit mehr als 25-jähriger Erfahrung zu den Pionieren in diesem Bereich.